Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

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Wortneuschöpfung #2 – GEHEIMSAM

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Neulich am Schreibtisch. Ich verfasse einen Artikel über zwei Brüder, die zusammen ein Unternehmen gegründet haben. Und schreibe: „Geheimsam eröffneten sie …“ Ups, vertippt. Schon will ich auf die delete-Taste drücken, da halte ich inne. Geheimsam? Das klingt doch … Irgendwie schön. Und ist es nicht so, dass gemeinsam oft die geheimnisvollsten Dinge entstehen?

Vor meinem inneren Auge sehe ich meine Grundschulfreundin und mich hinter einer Hecke auf dem Schulhof kauern und Geheimnisse austauschen. Flüsternd, kichernd. Weil Geheimnisse wohlige Gefühle im Bauch erzeugen.
Was ist eigentlich ein Geheimnis? Ich schaue bei Wikipedia nach. Es handele sich um „sensible Informationen“, die „häufig absichtlich in einem kleinen Kreis Eingeweihter gehalten“ werden. Also werden Geheimnisse tatsächlich oft geteilt, sie können eine Gemeinsamkeit erzeugen. Weiter heißt es bei Wikipedia: „Im Kontext eines Mysteriums bezeichnet „Geheimnis“ ein Ereignis, das rational nicht erklärbar scheint oder einen Vorgang, dessen Hintergründe aufgrund des Wirkens bestimmter „eingeweihter“ Personengruppen (…) für den gewöhnlichen Betrachter erwartungsgemäß und absichtsvoller Weise unklar bleiben.“ Schamanen und Magier könnten solche eingeweihte Personen sein. Auch sie machen gemeinsame Sache (und schaffen mitunter Illusionen, was mich an den Beitrag von Carls-Schreiberin zur Wortneuschöpfung #1 – REILLUSIONIERT denken lässt).

Dass es sich bei den Eingeweihten so wohlig im Bauch, so heimelig anfühlt, liegt vielleicht an der Herkunft des Worts: Es stammt vom Wort „Heim“ ab.
Und gemeinsam? Plötzlich wird mir klar, dass in diesem Wort der Begriff „gemein“ steckt. Das war laut Wiktionary ursprünglich eine Eigenschaft, die mehrere gemeinsam hatten.

Wieder sehe ich mein Kindheits-Ich samt Freundin hinter der Hecke hocken. Zu uns tritt eine ungeliebte Klassenkameradin. „Was macht ihr da?“, will sie wissen. „Geht dich nix an! Ist geheim!“, rufen wir und kichern wieder. „Gemein!“, ruft die von uns Ausgeschlossene und geht gekränkt ihrer Wege. Einsam. Ja, gemein heißt heute eben meistens „fies“. Geheimnisse können schrecklich sein (und ganz besonders schlimm wird es, wenn im Geheimen Terroranschläge auf Gemeinschaften geplant werden. Doch darüber hat Carls-Schreiberin bereits einen wunderbaren Beitrag geschrieben.)

Und so beschließe ich, dass wir dieses aus Versehen entstandene neue Wort brauchen: geheimsam. Geheimsam hecken wir für andere schöne Überraschungen aus. Wir wollen nicht ausschließen. Wir wollen nicht gemein sein.

Das passt doch auch gut in die Jahreszeit, in der wir es gern heimelig haben. Zusammen.

Ich wünsche euch schöne, geheimsame Festtage!

Eure und Carls Co-Schreiberin

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