Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Schreibambulanz.
Kann man über so was heute überhaupt schreiben?

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Neulich. Genauer: gestern. CARLs Co-Schreiber und ich haben in der Schreibambulanz im Alleecenter in Altenessen Weihnachtskarten für Passanten formuliert. Im Gespräch mit ihnen fanden wir heraus, was auf der Karte stehen sollte. Auf dem Weg nach Hause malte ich mir aus, was ich über diesen schönen Nachmittag hier im Blog schreiben würde. Während ich anfing, das Abendessen vorzubereiten, checkte ich nebenbei die Nachrichten.

Den Rest des Abends saß ich vor dem Fernseher. Mit einem Schlag rückte die Schreibambulanz in den Hintergrund. Ambulanzen der anderen Art, also Rettungswagen, spielten nun die zentrale Rolle. Hilfe beim Weihnachtskartenschreiben schien mit einem Mal nebensächlich.

Dabei hatte ich doch von Oma G. schreiben wollen, die sich drei Weihnachtskarten wünschte. Zwei für ihre Enkelinnen, eine für Tochter und Schwager. Oma G., die mir erklärte, dass Eltern nur glücklich sind, wenn es den Kindern gut geht. Oma G., die aus vorweihnachtlicher Rührung beim Abschied ein Tränchen verdrückte, obwohl sie ursprünglich gar keine Weihnachtskarten geplant hatte.

Ich hatte von Papa F. schreiben wollen, der seinem Sohn mehr Zeit im Allgemeinen und sich mehr Zeit mit seinem Sohn, den er zu selten sah, wünschte.

Ich hatte von Sohn J. schreiben wollen, der eine Karte an H., den neuen Freund seiner Mutter, schrieb.

Ich hatte von C. schreiben wollen, die den Tränen nah war. Weil sie sich zu Weihnachten nur wünschte, sich wieder mit ihren Eltern zu vertragen.

Ich hatte von F. schreiben wollen, der seiner Mama wünschte, dass sie weiter fröhlich wäre, auch wenn er nun auszog von zu Hause.

Und ich hatte von B. schreiben wollen, die an ihren Sohn und an ihren guten Freund und sogar an ihre Ärztin Karten schrieb. B., für die ich dann wirklich die Taschentücher auspacken musste, weil ich ihr frohe Weihnachten gewünscht und gesagt hatte, dass sie auch ein bisschen an sich selbst denken solle im nächsten Jahr.

Ich hatte schreiben wollen, wie recht CARLs Co-Schreiberin damit hat, dass innehalten ein wunderschönes Wort ist. Weil auch Weihnachtskartenschreiben und zehn Minuten inniges Gespräch mit Fremden in diesem Shoppinggewusel genau das ist. Innehalten. Mal kurz an die Lieben denken. Und an sich selbst. Wenn da eine Träne fließt, ist das wichtig und gut so.

Ich hatte schreiben wollen, wie gerührt ich war. Dass es das erste Mal in diesem Jahr war, dass ich so was wie Weihnachtsstimmung fühlte.

Ich hatte es schreiben wollen, aber nun saß ich stattdessen vor dem Fernseher und hielt auf eine ganz und gar andere Art inne.

Ich musste an die Angehörigen der Toten denken, die vielleicht nie wieder Weihnachtskarten schreiben können, ohne in Tränen auszubrechen. An die, die ihre Kinder oder Eltern, Schwestern, Brüder, Enkel, Tanten, Onkel, Freunde, Ärzte nun nie wieder sehen werden. Ich musste auch an die denken, die überlebt haben, aber sich vielleicht den Rest ihres Lebens nie wieder auf Weihnachtsmärkte trauen. Oder generell in große Menschenansammlungen.

Kann ich da überhaupt über so etwas wie eine vorweihnachtliche Schreibambulanz schreiben, frage ich mich.

Die Antwort ist: Ja.

Und nein.

Nein, weil im Angesicht solchen Schreckens alles andere unwichtig zu werden scheint.

Ja, weil es aber umso wichtiger wird im Angesicht eines solchen Schreckens. Nicht dieser Blogbeitrag an sich. Aber das Innehalten. Das Sichzeitnehmen für die, die man liebt. Das Lieben und Sichguteswünschen. Das Weinen und Vertragen.

Weil das Leben kurz ist. Und weil es endlich ist.

Ich wünsche euch wunderschöne Feiertage. Mit euren Lieben.

 

Eure CARLs Schreiberin

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