Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Achtung,
dieser Text enthält Passagen, die empfindsame oder junge Leser schockieren können.

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Gestern Abend: Ich sitze auf dem Sofa, will einen Film aus einer Online-Mediathek anschauen und finde bald einen „von Intrigen geprägten Thriller“, in dem es „Mord“, „Liebe“ und „schwarzen Humor“ gibt. Was soll da schiefgehen?

Ich klicke auf „Film starten“.

Auf dem Bildschirm erscheinen weiße Buchstaben auf schwarzem Grund. Sofort klicke ich auf „Weiter“.
Es geht los. Ein Mann und eine Frau fahren mit einem Jeep durch die dunkle Nacht und ich denke: Was war das denn gerade? Der Text. Ich habe ihn nicht mal richtig überflogen, bloß einen Blick drauf geworfen. Einen klitzekleinen Augenblick – bis meine Augen endlich das „Weiter“ fanden. Gerade erst hat Carls Co-Schreiberin auf Schönheit und Wichtigkeit des Wortes Innehalten hingewiesen und ich führe mich auf wie der Lucky Luke des Wild Webs: Klicke schneller auf „Weiter“ als mein Schatten.
Ich vermute, bei dem Text handelte es sich um eine Art Warnung. So was erkennt das geschulte Auge ja mittlerweile auch ohne zu lesen.

Offensichtlich sind die Zeiten, in denen ich mich für Warnungen interessierte, vorbei. Als Kind stand ich täglich mit offenem Mund und noch weiter aufgerissenen Augen vor dem Stromkasten an der Straßenecke und starrte sein gelbes Schild an: „Hochspannung, Lebensgefahr!“

Heute schlendere ich lockerlässig an gelben Slippery-when-wet-Aufstellern vorbei und stecke mir dabei unbedacht Zigaretten in den Mund, die aus Schachteln stammen, auf denen Füße mit abgefaulten Zehen abgebildet sind – mich hält keiner auf! Außer vielleicht das Pissoir, an dessen Spülknopf mit Tesafilm ein handgeschriebener Zettel befestigt ist: „Defekt“. Das wiederum hat mich als Kind nicht aufgehalten. Da ging es ausnahmsweise mal „Weiter“. Und danach mussten dann Slippery-when-wet-Schilder aufgestellt werden.

Im Film gibt es mittlerweile vielleicht die erste Leiche. Ich weiß es nicht, weil ich über diese Warnung nachdenken muss, die ich mir nicht richtig durchgelesen habe. Ich fang besser nochmal von vorne an, falls ich etwas Wichtiges verpasst haben sollte.

Der Bildschirm wird schwarz. Weiße Buchstaben erscheinen darauf:
„Achtung, dieser Film enthält Passagen, die empfindsame oder junge Zuschauer schockieren können.“

Das stand da also.

Mh, denke ich und halte einen Moment inne. Dann denke ich nochmal Mh. Das „Weiter“ lächelt mich an, verspricht mir Intrigen, Mord, Liebe und jetzt sogar Schockierendes. Aber ich bin stärker als das „Weiter“ und finde ein Wort, das mich an dieser Stelle aufhalten könnte, wenn ich den Wunsch hätte, in den kommenden 113 Minuten nicht schockiert zu werden. Das Wort „jung“ ist es leider nicht. Es ist das Wort empfindsam. Und empfindsam, das ist ja erstmal jeder, denke ich. Weil ja jeder irgendetwas empfindet.

Für mich, und ich glaube, für viele andere auch, ist das Wort empfindsam grundsätzlich positiv besetzt. Ich denke da an Menschen, die empathisch sind, sensibel, und die sich an Kleinigkeiten erfreuen können. Steht ein Mann auf der Wiese und ihm kullern Tränen der Freude, aufgrund des Marienkäfers, der es sich auf dem Gänseblümchen gemütlich gemacht hat, die Wange hinunter, so empfinden wir das als empfindsam.

Tritt nun irgendein Hallodri gedankenlos Käfer und Blümchen platt und der gerade noch vor Freude weinende Mann gerät in ein lautes Schluchzen, gilt er von nun an nicht mehr als empfindsam. Jetzt ist er empfindlich, was so viel bedeutet wie dünnhäutige, nervtötende Heulsuse. Er soll sich bitte nicht so anstellen. Empfindlich sein ist schlecht.

Im Gegensatz zu empfindsam.

Empfindsam war das Wort, das Gotthold Ephraim Lessing im 18. Jahrundert als Übersetzung für das englische sentimental vorschlug. So erhielt die Empfindsamkeit als Strömung innerhalb der Aufklärung ihren Namen. Der Vernunft wurde das Empfinden zur Seite gestellt. Beide hatten dasselbe Ziel: die Unterdrückung durch Obrigkeiten zu durchbrechen.

So. Lange genug innegehalten. Ich klicke auf „Weiter“. Ein Mann und eine Frau fahren mit einem Jeep durch die dunkle Nacht. Wann genau die erste Leiche auftaucht, kann ich leider nicht sagen, weil ich nach ungefähr drei Minuten einschlafe.
Ich träume.
Von Gänseblümchen.
Marienkäfern.
Hauptsächlich aber von einem Schwarm intelligenter Delfine, die mit rosaroten Brillen auf ihren Nasen in einem Meer aus Tränen dem fernen Sonnenuntergang entgegenschwimmen.
Weiter, immer weiter und weiter!

Auf bald!

Euer und Carls Co-Schreiber

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