Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Wortneuschöpfung #1 – REILLUSIONIERT

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Wittgenstein hat es gewusst. Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt. Ist doch wahr. Was ich nicht mit Worten auszudrücken vermag, kann ich nicht nur nicht mitteilen. Ich kann es nicht einmal denken. Es existiert schlichtweg nicht.

Die gute Nachricht: Macht nichts. Wer hindert uns denn daran, neue Worte zu basteln?

WORTNEUSCHÖPFUNGEN, die wir aus Buchstaben zusammenbasteln, welche wir gierig aus metaphorischen Buchstabensuppen schöpfen. Ist es, nebenbei bemerkt, nicht interessant, dass das Wort SCHÖPFER sowohl Gott als auch eine Suppenkelle bezeichnen kann? Ich schweife ab.

Zurück zum Thema: Gerade erst habe ich ein neues Wort gebastelt. Weil ich es so dringend brauchte.

Denn: Neulich. In einer Workshopwoche mit Jugendlichen, die Teil eines mehrwöchigen Projekts war. Am Ende sollte ein kompletter Roman stehen. Jede Woche trug eine andere Gruppe ihren Teil dazu bei. Zum Workshop gehörten auch Vorträge.

Bei einem dieser Vorträge sollten die Teilnehmer sagen, wann Sommeranfang ist.
Im Februar, riet einer. Nennen wir ihn M.
März, riet eine andere. Nennen wir sie N.
Juni, landete Teilnehmer O. den Zufallstreffer.

Im Vortrag fiel auch nebenbei die Info, dass Meerwasser kein Trinkwasser ist.
Wieso nicht?, wollte N. wissen.
Weil es Salz enthält.
Salz?, wunderte sich N. Das hatte sie nicht gewusst.

Im Vortrag ging es auch darum, was wir heute dafür tun können, dass die Erde in Zukunft noch bewohnbar ist.
Was interessiert uns das?, fragte N. Wir sind doch dann gar nicht mehr da.
Sie fragte nicht, um zu provozieren.
Sie fragte, weil sie es so meinte.
Mir fehlten die Worte. Ich fühlte eine Sprachlosigkeit in mir, die wehtat.

Ich mache Workshops, weil ich an diese Jugendlichen glaube. Eigentlich. Weil ich überzeugt davon bin, dass sie alle viel Potenzial in sich tragen. Von dem manche von ihnen selbst nicht die leiseste Ahnung haben. Aber wie soll ich jetzt daran glauben? Wie daran glauben, wenn N. vor mir sitzt, der alles so völlig egal ist?

DESILLUSIONIEREND! Hier, sagt die Realität. Guck hin. So ist es wirklich. Und haut mir die rosarote Brille von der Nase. Augen fest zukneifen bringt nichts. Selbst mit zugekniffenen Augen kann ich nicht übersehen, dass in dieser Projektwoche ein Großteil der angemeldeten Teilnehmer gar nicht erst auftaucht und andere vom ersten auf den zweiten Tag abspringen. Weil sie nicht dran gedacht haben, dass sie Zeit investieren müssen, um am Projekt teilzunehmen. Weil ihnen gerade nicht danach ist. Weil es sie nicht interessiert, dass ein Projekt ihretwegen scheitern könnte. Sie sind ja dann nicht mehr dabei. Also ist es doch wohl egal. Oder nicht?

Da sitze ich ohne rosarote Brille und denke. Dauernd verkünde ich Partnern im Kontext solcher Projekte, dass es nun mal das Privileg der Jugend ist, wankelmütig und unzuverlässig zu sein. Aber als im Projekt nur noch 4 der ursprünglich 14 angemeldeten Teilnehmer übrig sind, frage ich mich ernsthaft, ob ich denn noch alle Tassen im Schrank habe, solche bescheuerten Aussagen zu treffen.

Wenn es das Privileg der Jugend ist, Privilegien, wie wir sie anbieten, mit Füßen zu treten und sich einen Dreck darum zu scheren, was mit ihrer Nachwelt ist, warum sollte ich dieser Jugend dann Bitteschön Projekte hinterhertragen, die sie gar nicht will?

Das ist ungerecht. Ich weiß es ja. Weil Jugend nicht im Allgemeinen so ist und ich unzählige engagierte und interessierte Jugendliche kennengelernt habe. Aber ohne rosarote Brille fällt es mir schwer, gerecht zu sein.

DESILLUSIONIERT eben.
Einen Tag lang.
Vielleicht eineinhalb.
Dann passiert etwas.

Auch ohne rosarote Brille nehme ich zur Kenntnis, dass N., so egal ihr auch alles zu sein scheint, weiter am Projekt teilnimmt. Dass andere Jugendliche aus anderen Projekten sofort dazustoßen, als ich vermelde, dass Plätze freigeworden sind. Dass zwei Jugendliche, die an Tag 2 nicht mehr dabei waren, an Tag 3 wieder auftauchen. Und dass N. sogar noch eine Freundin, nennen wir sie P., mitbringt. P. beharrt zwar zunächst darauf, dass sie nur mal so vorbeigekommen ist und nicht teilnehmen will.

Nach zwei Stunden meldet sie sich aber zu Wort und wünscht sich dann doch eine eigene Aufgabe im Projekt.
Bist du dann auch die nächsten beiden Tage dabei?, will ich wissen.
P. nickt.
Endlich setze ich die rosarote Brille wieder auf.
Dann erzähl ich dir jetzt mal etwas über den Roman, so weit er bis jetzt geplant ist, sage ich zu P. Klimawandel – sagt dir das was?
Nee. Sagt P.

Die rosarote Brille rutscht. Aber ich schiebe sie energisch wieder auf die Nase. Was P. nicht weiß, kann sie ja lernen, denke ich. Und am Ende interessiert sich vielleicht sogar N. für eine Welt, die nach ihr existieren wird. Vielleicht.

Ich bin REILLUSIONIERT, teile ich nach Feierabend einer Freundin mit.
Auch ein schönes Wort, sagt die Freundin.

An Tag 4 ist eine weitere verlorengegangene Teilnehmerin wieder mit dabei und eine weitere Teilnehmerin, die nie angemeldet war, ist aus dem Nichts aufgetaucht.
Können wir nicht noch weiter schreiben?, fragt eine der Teilnehmerinnen, nennen wir sie R., als sie erfährt, dass Tag 5 wirklich der letzte Schreibtag für die Gruppe sein soll.
N. sitzt daneben und nickt. Sie hat gerade keine Zeit zu sprechen. Sie muss … nein, sie will (!) ihr zweites Kapitel schreiben. Ob ihr egal ist, wie es mit dem gemeinsamen Roman nach Tag 5 weitergehen wird? Ich glaube kaum.

REILLUSIONIERT. Wenn ich nicht Worte wie dieses aus der Buchstabensuppe schöpfen könnte, wie sollte ich dann meinen Job machen? Wie sollte ich tagtäglich die rosarote Brille zurechtrücken und Jugendliche überzeugen, an die Potenziale in sich zu glauben?

Na also! Und deshalb können die Grenzen meiner Sprache noch so sehr die Grenzen meiner Welt bedeuten. Aufhalten lasse ich mich von ihnen nicht. Schöpfe beherzt Buchstabensuppe nach, bis sie über den Tellerrand schwappt, und poliere meine rosarote Brille. Wollen wir doch mal sehen …

Eure CARLs Schreiberin.

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