Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

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Schöne Worte #7 – innehalten

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Neulich auf der A45: „In fünfhundert Metern links halten“, befiehlt die Stimme aus dem Navi. „Komisch“, kommt es vom Rücksitz. „Ich dachte immer, auf der Autobahn dürfte man nicht halten.“
Ich versuche zu erklären. Den Unterschied zwischen „Spur halten“ und „anhalten“.
Gar nicht so einfach. Außerdem sollte sich der Fahrer auf das Fahren konzentrieren und nicht auf das Erklären. Aber wie so oft ist Multitasking gefragt. Das schlimme Wort, das uns zuverlässig in der Tretmühle hält.

„Hält“, da ist es schon wieder, das Halten. Bei „festhalten“ denke ich als Erstes an eine milde Form von Freiheitsberaubung. Andererseits halten wir auch schöne Erinnerungen fest – oder versuchen es jedenfalls. Notfalls mit der Kamera.
Einige Naturvölker – so wird erzählt – glauben, dass das Fotografieren dem Fotografierten die Seele raubt. Das ewige Dilemma: (fest)halten oder loslassen? Ranhalten oder anhalten?

Gerade vor Weihnachten wird es schwierig. Termin jagt Termin. Da sind nervige dabei, aber auch schöne. Weihnachtsfeiern zum Beispiel. Mit dem Handy schnell noch ein Foto schießen. Lieber noch eins … Die Erinnerung festhalten. Und dann der Stress: Das Handy streikt. Speicher voll.
Eigentlich ist auch mein Speicher längst voll. Zu viel, alles zu viel. Dabei sollen wir im Advent doch nur eins tun: uns besinnen, innehalten. Innehalten: das vielleicht schönste Halte-Wort? Denn es meint nicht das (endgültige) Stehenbleiben, das gefürchtete Stagnieren. Es meint, so sagt es der Duden: „mit einem Tun für kürzere Zeit aufhören (und verharren); etwas unterbrechen“.

Das Handy zur Seite legen. Die Hände im Schoß halten(!). Einfach nur gucken, lauschen, genießen. Für einen Moment oder zwei. Den Zauber nicht zerstören, die Seele nicht rauben.
Was hält uns davon ab?

Ich wünsche allen einen schönen Dezember!

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