Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Wortentdeckungen #1: Einfall/einfallen

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Im September habe ich eine Chinesin – nennen wir sie M. –, die auf Besuch im Ruhrgebiet war, unterrichtet. Beziehungsweise: Wir haben uns getroffen, um gemeinsam ein deutsches Buch zu lesen.

Seite für Seite.

Satz für Satz.

Wort für Wort.

M. lernt auf diese Weise schon eine Weile deutsch. Was für eine schöne Art, eine Sprache zu lernen. Nicht mit Trockenübungen wie Grammatik beginnen. Sondern gleich mitten hineinspringen in die Sprache. In diesen Ozean aus Worten.

Wort für Wort übersetzt M. die Sätze, so weit ihre Sprachkenntnisse schon reichen. Dazwischen helfe ich auf Englisch aus. Übersetze und erkläre.

Dadurch lernt nicht nur M. die deutsche Sprache kennen. Auch ich entdecke sie wieder neu. Komme aus dem Wundern nicht heraus. Meine Muttersprache wird mir durch M.s Augen zur Fremdsprache, die ich manchmal betrachte wie ein seltsames Tier oder eine seltene Pflanze.

Eine Binsenweisheit lautet ja, dass man Lernstoff erst dann beherrscht, wenn man ihn jemand anderem erklären kann. Bei meinen Erklärungen für M. klappt das mit der deutschen Sprache oft gut.

Aber ich komme auch an Grenzen, merke, wo ich die eigene Sprache noch nicht genug ergründet habe, spüre Doppeldeutungen, Paradoxien und Kuriositäten auf.

M. und ich haben am gemeinsamen Lesen so viel Freude, dass wir die Lektüre per Skype fortführen. Regelmäßig skype ich jetzt mit Beijing, komme ins Staunen und Stolpern, werde zur Entdeckerin der eigenen Sprache.

Heute zum Beispiel. PLASCHA FÄLLT IMMER SO VIEL EIN. Lautet ein Satzteil, über den M. und ich reden. Ich übersetze EINFALLEN mit IDEEN HABEN. Merke dann aber, dass die Übersetzung zu kurz greift.

Einfälle.

Das sind doch diese Gedanken, die einfach so in den Kopf reinfallen. Nicht nur Ideen. Auch Erinnerungen.

Sie fallen mir in den Kopf.

Ob ich will oder nicht.

Und dann fällt mir auf, wie militärisch der Begriff klingt. Gedanken, die in den Kopf einfallen und versuchen ihn einzunehmen, zu erobern. Was mir einfällt, ist mir ja nicht immer willkommen. Diese Gedanken, die immerzu in meinen Kopf einfallen, finde ich manchmal ganz schön anstrengend. Abends, kurz vor dem Einschlafen. Oder wenn die Gedanken schon anfangen in meinem Kopf zu wüten, wo ich doch gerade erst beim Zähneputzen bin.

Einfach so einfallen und sich breit machen. Dürfen die das überhaupt? Wer hat denen das eigentlich erlaubt?

Und dann wiederum: rettende Einfälle. Das sind dann wohl die Alliierten unter den Gedanken?

Ob der EINFALL nun wirklich seinen Ursprung im militärischen Kontext hat, werde ich so schnell nicht klären. Ist mir auch bloß so eingefallen.

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