Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Sagt denn hier keiner mehr „Tschö“?

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In diesen Herbstferien leitete ich einen Kurs im Rahmen von „Kopfweide – junge Literaturtage“ für das Literaturbüro NRW. Die Teilnehmer schrieben viele schöne, witzige, spannende Sätze. Einer blieb mir besonders im Gedächtnis. Weil er ein Thema anspricht, das mir schon länger im Kopf herumgeistert.

Sagt denn hier keiner mehr „Tschö“? Diese Frage stellte sich die Protagonistin in einem der Texte. Nachdem das Mädchen, mit dem sie telefonierte, ohne ein Wort des Abschieds aufgelegt hatte.

AUFLEGEN. Das ist übrigens ein ganz schön interessantes Wort geworden. Die Zeiten, als wir nach einem Telefonstreit wutentbrannt den Hörer auf die Gabel knallten, sind vorbei. Heute kann man nur noch den ganzen Apparat in die Ecke werfen. Denn auflegen bedeutet mittlerweile: auf die Basis zurückstellen. Respektive: auf den Touchscreen tippen. Die Jugendlichen in meinen Workshops haben die Zeit, in der AUFLEGEN noch das wirkliche Legen des Hörers auf die Gabel bedeutete, nicht mehr erlebt. Trotzdem schreiben sie noch immer AUFLEGEN.

Es wird nicht mehr lange dauern, da werden andere Jugendliche die Herkunft des Wortes nachschlagen müssen, um zu verstehen. Wobei NACHSCHLAGEN dann nicht mehr bedeuten wird, ein Buch aufzuschlagen. Wieso eigentlich aufschlagen, frage ich mich schon jetzt, im Moment des Niederschreibens. Schnell schlage ich auch diese Wendung nach (= tippe „Buch aufschlagen, Herkunft“ in eine Suchmaschine ein) und finde heraus, dass man früher tatsächlich mit der Faust auf das Buch schlug, um die Metallschließen zu öffnen. Die Wendung war also ohnehin schon hoffnungslos veraltet. Nun hat nachschlagen überhaupt immer seltener überhaupt noch etwas mit Büchern zu tun …

Die Dinge ändern sich.

Aber sie hinterlassen Spuren in unseren Worten.

Spuren, die erklärungsbedürftig werden.

 

Ich schweife ab.

Ich wollte doch gar nicht über Worte schreiben, die bleiben. Oder Spuren hinterlassen.

Ich wollte über Worte schreiben, die fehlen. Die spurlos verschwinden. Ohne Tschö zu sagen.

Also zurück zur Ausgangsfrage: Sagt denn hier keiner mehr „Tschö“? Das frage ich mich auch oft. Wenn ich amerikanische Filme und Serien gucke zum Beispiel. Da wird sowieso nie TSCHÖ gesagt. Aber auch immer seltener BYE oder was auch immer. Jedenfalls am Telefon. Selbst wenn danach keiner wutentbrannt den Apparat in die Ecke pfeffert.

Warum wird darauf so oft verzichtet? Weil eine Verabschiedung keine Spannung bringt? Die Handlung nicht weitertreibt? Oder weil jede Drehsekunde, die man einspart, Kosten senkt?

Genauso oft fällt mir auf, dass auch die Worte DANKE und BITTE seltener werden in besagten Filmen und Serien. Bin ich ein Spießer, weil ich ein bisschen Höflichkeit schätze? Weil ich denke, dass diese kleinen Worte den großen Unterschied machen? Bin ich ein Kulturpessimist, wenn ich die These aufstelle, dass dieses sorglose Streichen von BITTE, DANKE, TSCHÖ sich auch in unseren realen täglichen Sprachgebrauch schleicht?

Schon jetzt vermisse ich diese Worte häufig im Alltag. Mit meiner Meinung, dass man auf eine Mail, in der einem Fragen beantwortet oder Informationen vermittelt werden, wenigstens mit einem schnellen herzlichen DANKE antworten kann, scheine ich zum Beispiel schon jetzt hoffnungslos antiquiert zu sein.

Ich will aber nicht in einer Welt leben, in der man Wörter wie BEDANKEN, BITTEN und VERABSCHIEDEN im Wörterbuch nachschlagen muss. Deshalb plädiere ich schon jetzt dafür, BITTE, DANKE, TSCHÖ auf die Liste bedrohter Arten zu setzen. Worte, die man schützen und bewahren sollte.

Bitte! Danke! Tschö!

Eure CARLs Schreiberin.

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