Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Schöne Worte #1 – Wortklauberei

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Eigentlich sollte dieser Beitrag „Lieblingswort des Monats“ heißen. Aber kaum wollte ich ein Lieblingswort für den Oktober auswählen, begann ein Gedrängel und Geschubse in meinem Kopf. Jedes dieser Worte, die doch manchmal so widerborstig sind, die sich, wenn ich sie gerade dringend brauche, so gern in den hintersten Winkeln meines Kopfes verkriechen, kam plötzlich hervor.

Das Wort LIEBLING, das so weich und sanft auf der Zunge zergeht, passend zum dazugehörigen weichen und sanften Gefühl.

Das Wort WINKEL, das mit seinem harten eckigen Knick in der Mitte doch selbst einen Winkel zum Verkriechen bildet.

Das Wort WIDERBORSTIG, das sich mit dem langgezogenen iiii zunächst so sehr gegen das Ausgesprochenwerden sträubt und dann mit einem zischenden -ich ganz eilig verschwindet.

Und so viele Worte mehr.

Sie alle wollten auserwählt werden, kaum dass ich „Lieblingswort“ auch nur gedacht hatte. Und ehe mein Hirn noch ernsthaft Schaden nehmen würde bei all dem Gedränge und Geschubse, entschied ich mich schnell um: Nicht das Lieblingswort des Monats wollte ich finden.

Nein.

Ganz einfach: schöne Worte. Beliebig viele pro Monat, versteht sich.

Sogleich verkrochen sich die vielen schönen Worte wieder beruhigt in die Winkel, aus denen sie hervorgestürmt waren. Doch ein Wort aber blieb. Ein Wort, das bei diesem Andrang von Worten selbst gehofft hatte, das eine oder andere Wort abzustauben.

Es war das Wort WORTKLAUBEREI.

Wikipedia erklärt, dass es sich dabei um eine meist abwertende Bezeichnung handelt. Für das Verhalten von Menschen, die es mit der Auslegung von Worten womöglich allzu genau nehmen. Das macht Wortklauberei zur Schwester der BESSERWISSEREI. Die ja im Übrigen auch meist abgewertet wird. Wieso eigentlich? Ist es verwerflich, Dinge besser zu wissen und dieses Wissen zu teilen?

In einer Zeit, in der Open Source zum Ideal des Wissensmanagements erhoben wird. In einer Zeit, in der in sozialen Medien alles und jedes geteilt wird. Wie kann man in dieser Zeit Besserwisserei verteufeln?

Na also, sag ich doch. Das hat sie nicht verdient, die Besserwisserei.

Und genauso möchte ich ein gutes Wort einlegen für die Wortklauberei. Es mit der Sprache genau nehmen, zumindest versuchsweise Worte wirklich wörtlich nehmen … das ist für mich zunächst einfach: Wertschätzung von Sprache. Von Worten.

Gegen das Wort KLAUBEN gibt es übrigens offenbar von Vornherein nichts einzuwenden. Etwas mühevoll heraussuchen oder auch pflücken, sammeln – das sind die Bedeutung, die das Wictionary für KLAUBEN bereithält.

Worte mühevoll heraussuchen, pflücken und sammeln. Das ist es, was ein Wortklauber tut. Liebevoll, ernsthaft und sorgsam mit Sprache und Worten umgehen. Wortklauber, das sind Menschen, denen auch schon einmal der Kopf zu platzen droht auf der Suche nach einem Lieblingswort des Monats. Weil sie ihm doch alle so lieb und teuer sind.
Und genau deshalb heißt die Jugendredaktion auf CARL auch: die JUNGEN WORTKLAUBER.

Bald gibt es hier übrigens wieder mehr von den jungen Wortklaubern zu lesen. Wer gern mal zu einer der Redaktionssitzungen kommen möchte, kann sich gern bei CARLs Schreiberin melden.
Möge die Wortklauberei beginnen.

Aber … wo ist sie denn nur hin? Verschwunden. Um all die Winkel abzusuchen, in denen sich schöne Worte verstecken. Und sie sorgsam zusammenzusammeln.

Ein Kommentar

  1. Sehr schöner Artikel. Und wer so ein schönes Wort wie Wortklauberei nicht wertschätzen kann, der sollte lieber Klaubholz sammeln und sich daraus etwas schreinern, denn: er ist wohl schlecht möbliert im Oberstübchen. 😉

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