Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Ohne Worte?

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Viel zu lang kein Wort hier im Blog. Sommerloch? Eher das Gegenteil. Sommerberg. Wenn es das gäbe. Immerhin ist gerade mein Romandebüt erschienen. Jetzt bin ich also Autorin. Also so richtig. Mit Künstlersozialkasse und allem drum und dran.

Für die Künstlersozialkasse muss man sich in eine Kategorie einordnen. Meine heißt: Wort. Verdiene ich mein Geld jetzt also vor allem mit Worten. Was großartig ist. Weil ich Worte liebe. Weil Sprache das ist, was ich kann. Wie passend, dass das Projekt, das mich auch zu CARLs Schreiberin gemacht hat, „Im Anfang war das Wort“ heißt. Worte. Die sind bei mir immer und überall.

Am Anfang und am Ende und dazwischen sowieso.
Immerzu.
Auf der Zunge.
Auf dem Papier.
Und zur Not halt auch einfach mal im Kopf.

Worte sind meine Brücke in die Welt. Die Verbindung zu Anderen.

Wie leer es wird, wenn diese Brücke gesperrt ist, habe ich neulich begriffen.

Ich arbeite jetzt schon viele Jahre mit Jugendlichen aus allen möglichen Ländern. Aber nie habe ich mich dabei so hilflos gefühlt wie einer Werkstatt neulich mit jungen Geflüchteten.

Das Projekt war ein Experiment. Eine Möglichkeit für die Jungs, sich in unterschiedlichen Kunstsparten auszuprobieren. Was hatte ich anzubieten? Worte. Natürlich. Eine Schreibwerkstatt. Aber dieses Mal ging es nicht um Jugendliche, die seit ein paar Monaten in Deutschland leben. Sondern um solche, die erst ein paar Wochen hier waren. Die Idee einer Schreibwerkstatt verwarf ich schnell. Wenn ein junger Mann auf die Frage, wer er ist und was er sich wünscht, nur antworten kann „Ich bin Ali. Ich möchte Polizei“, dann fühlt es sich wie Demütigung an, weiter zu fragen.

Wie würde ich mich fühlen, wenn es umgekehrt wäre? Wenn ich diejenige wäre, die ohne Worte ist? Beziehungsweise: voller Worte. Aber Worte, die in diesem neuen Land plötzlich nicht mehr brauchbar sind?

Ich erinnere mich an eine Zeit, die ich in London verbracht habe. Ich konnte gut Englisch. Trotzdem überkam mich manchmal ein Gefühl der absoluten Sprachlosigkeit. Wenn dir da jemand gegenübersitzt und Cockney spricht. Ein Satz. „Pardon?“, frage ich nach. Er wiederholt. Derselbe Satz. Dieselbe Betonung. Dasselbe Nichtverstehen. Und noch einmal: „Sorry, I do not understand.“ Er wiederholt. Derselbe Satz. Noch einmal. Er wird nicht verständlicher durch Wiederholung. Aber das Gefühl der Unzulänglichkeit nimmt zu.

Unzulänglich fühlte auch ich mich als Werkstattleiterin. Ich war ja genauso sprachlos wie meine Teilnehmer. Konnte keine Brücken mehr bauen. Stapelte nur hilflos Worte übereinander, die gleich wieder umfielen. In diese Leere.

Aber ich konnte nach dem Workshop wieder nach Hause gehen und 99 % der Menschen um mich her, in der Bahn, auf der Straße, zu Hause, konnten die Worte, die ich sagte verstehen. Für die Workshopteilnehmer gab es kein NachhauseindieeigeneSprachegehen. Nur ein Verbleiben in derselben Sprachlosigkeit.

Die kleine Meerjungfrau aus Andersens Märchen hat ein großes Opfer gebracht, als sie ihre Stimme hergab, um unter den Menschen zu sein. Was wäre ich an ihrer Stelle? Was wäre, wenn ich flüchten müsste? Wenn meine gesamte Bildung von heute auf morgen nichts mehr wert wäre? Mein Wortschatz nur noch billiger Plunder?

Alles, was ich kann und mache, das habe ich in diesem Workshopversuch schmerzlich begriffen, hat so viel mit Sprache zu tun. Nicht nur meine Arbeit als Werkstattleiterin. Nicht nur mein Beruf als Autorin. Mein gesamtes Privatleben. Selbst meine Freundschaften beruhen vor allem auf Gesprächen.

Wie würde ich eine Heimat finden in einer neuen, fremden Sprache? Ich weiß es nicht. Ich kann es mir nicht vorstellen. Dass das gehen kann. Krabbeln lernen müssen, wenn man doch sprinten konnte.

Was bin ich ohne Worte? Was bleibt von mir? Nicht viel.

Und doch bleibt Trost: Einige der Geflüchteten fanden trotzdem ihre Form des Workshops. Sie üben sich nun regelmäßig auf CARL im Streetdance. Manches geht eben auch ohne Worte.

Und in meinen regulären Workshops habe ich jetzt auch junge Geflüchtete. Solche, die schon ein paar Monate hier sind. Die angefangen haben, in der neuen Sprache wieder laufen zu lernen. Sie stolpern manchmal. Sie sind ungeduldig mit sich selbst und ärgern sich über ihre Fehler. Ich wäre auch ungeduldig an ihrer Stelle. Aber sie lernen dauernd dazu. Legen neue Worte in ihren Wortschatz.

Im Anfang war das Wort. Und am Ende … nein, am Ende sind wir noch lange nicht.

Ein Kommentar

  1. Das ist wirklich ein beeindruckender Text. Ähnliche Gedanken wie die Carls-Schreiberin gehen mir oft durch den Kopf, wenn ich als Deutschlehrer mit ausländischen Studenten und Integrationskurs-Teilnehmern arbeite. Da gibt es diese Momente der Wortlosigkeit auf beiden Seiten, der Bewusstwerdung, dass die eigenen Worte plötzlich keinen Boden mehr unter den Buchstaben haben. Da höre ich, wie Teilnehmer sich fließend in ihren Muttersprache unterhalten und der Spieß umgedreht ist, ich derjenige, dem nur noch wertloser Ausdruck bleibt, weil die Brücke über Worte nicht mehr funktioniert. Welch Glücksgefühl ist es da, wenn sich Brücken jenseits der Worte, über Gesten, ein Lächeln bauen lassen, und alle Seiten merken, dass wir in dem gleichen Boot sitzen. Wie schön ist diese relativieren Erfahrung, wie eindrücklich die Carls-Schreiberin Frau Meyer-Dietrich ihr auf den Grund fühlt.

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