Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Schreibambulanz

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Letzten Samstag. Extraschicht. Mein dritter Einsatz in der Schreibambulanz. Ambulanz? Ja, genau! Als Texterin für akute Karten-Schreib-Notfälle.

Erster Einsatz war: Valentinstag. Liebesgrüße an Freund/Freundin, Mann/Frau, Mama/Papa/Oma/Opa/Kind, gute Freundin/beste Freundin/BFF = best friend forever.

Zweiter Einsatz: Muttertag. Grüße an Mütter aller Altersgruppen.

Und nun eben: Extraschicht.

Mein Job? Erforschen, was auf die Karte muss. Schöne Worte dafür finden. An wen die Karte geht, muss der Absender natürlich selber wissen. Da kann ich nur nachhelfen.

Wozu sollte man heute noch Hilfe brauchen beim Karten-Schreiben? Können doch fast alle schreiben mittlerweile. Am Valentinstag im Alleecenter in Altenessen waren auch nur Leute unterwegs, die sehr wohl schreiben konnten (abgesehen von wenigen Vorschülern/Erstklässlern). Hilfe konnten sie trotzdem brauchen. Weil ihnen das Formulieren eben nicht so leicht von der Hand geht wie mir. Ich kann andere Sachen nicht. Vielleicht sollte ich Karten-Schreiben als Tauschgeschäft anbieten. Suche: jemanden, der mir einen Knopf annäht. Biete: Valentinskarte.

Bei der Extraschicht waren vor allem Menschen unterwegs, die sich mit dem Formulieren einer Karte nicht so schwergetan hätten. Trotzdem hab ich fünf Schichten geschoben. Ja: Trotzdem kam die Idee gut an.

Warum? Unter anderem, weil es auch ohne offiziellen Anlass mal schön ist, Karten zu schreiben. Eben nicht zum Valentinstag, Muttertag, Geburtstag, Weihnachten. Einfach nur so. Schöne Grüße von der Extraschicht. Auch von Carl. Bei der Gelegenheit fällt jedem jemand ein, dem man eigentlich endlich mal (wieder) einen Karte schreiben könnte. Und Gründe gibt es auch wie Sand am Meer.

Ich habe Weihnachtsgrüße im Hochsommer geschrieben, weil es vor Weihnachten immer zu stressig wird. Ich habe an gute Freunde geschrieben, die einfach nicht zur Extraschicht wollten. An beste Freundinnen, die keine Zeit hatten, und schwer vermisst wurden. An Kinder, die noch zu klein zum Mitkommen waren. An Mütter, die noch nie im Ruhrgebiet gewesen sind. An Ehemänner, die gefährliche Arbeiten verrichten müssen und bitte gut auf sich aufpassen sollen.

Ich erfinde nicht, was auf die Karten soll. Ich kitzle es nur heraus aus den Absendern. Ein kleines Gespräch und schon ist klar, was drauf muss auf die Karte. Wo tut’s denn weh?

Eine Win-Win-Win-Situation: Der Empfänger freut sich über die Karte, der Absender hatte einen Sparring-Partner beim Schreiben. Und ich gehe, todmüde aber sehr zufrieden, mit dem Gefühl schlafen, dass da ganz schön viel Liebe ist auf dieser Welt.

Leute, schreibt mehr Karten!

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