Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

19. Januar 2018
von junge Wortklauber
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Wichtige Worte #8: Freundschaft

Freundschaft bleibt Freundschaft. Aber wie ist das, wenn man seine Heimat verlässt?

Als ich nach Deutschland kam, war alles ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich dachte mir, dass ich nie Freunde finden würde. Ich war erst einige Zeit ohne Freunde, weil ich kein Deutsch sprechen konnte, und ohne Sprache war ich sprachlos. Erst nach ein paar Monaten hatte ich genug Deutsch gelernt, um mich mit anderen zu unterhalten. Das Leben ohne Freunde war nicht so einfach. Es war leer. Als ob man Essen ohne Salz kocht – man kann damit satt werden, aber es schmeckt nach nichts. So fühlte sich auch das Leben damals an.

In Afghanistan hatte ich eine Menge Freunde, darunter auch beste Freunde, mit denen ich die glücklichsten Momente meines Lebens verbracht habe. Diese Momente haben mir viel Hoffnung gegeben. Wir haben uns immer alle getroffen und unterhalten oder miteinander gespielt: Karten oder Mensch ärger‘ dich nicht. Ich war sehr gut beim Kartenspielen, aber ich habe bei dem Spiel Mensch ärger‘ dich nicht meistens verloren. Hat aber trotzdem Spaß gemacht. Wir hatten Spielregeln: Wer verlor, musste das machen, was die Gewinner wollten. Meistens habe ich „Nackenklatsch“ von den anderen gekriegt, oder ich musste mit nackten Füße im Schnee laufen. Weiterlesen →

16. Januar 2018
von Carls Co-Schreiberin
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Lästige Worte #3: Sorgen

Neulich bekam ich eine Reklamemail. Ich solle dafür sorgen, dass Fläschchen und Spielsachen meiner Kinder mit Namensaufklebern markiert sind, damit im Kindergarten nichts mehr verloren geht. Meine Kinder gehen nicht mehr in den Kindergarten. Aber natürlich will ich so gut wie möglich für meine Lieben sorgen. Leider ist es mit ein paar Aufklebern nicht getan. Und leider wäre ein verlorener Gebrauchsgegenstand noch meine geringste Sorge.

Die Sorgen, die ich mir mache, sind trotzdem meistens überschaubar. Doch immer wieder mal, gerne abends, blähen sie sich auf. Lassen mich nicht schlafen. Meißeln mir Sorgenfalten ins Gesicht. Oft sind es ungelegte Eier, über die ich mir Sorgen mache. Dann denke ich, dass es kein Zufall sein kann, dass sich „Sorgen“ auf „morgen“ reimt (nicht nur im Deutschen übrigens, im Englischen reimt sich ebenfalls sorrow – „Trauer“, „Sorge“, „Gram“ auf tomorrow). Das erfreut die Dichter. Mich allerdings weniger, denn das Schlafen kann ich komplett abhaken, wenn die Sorge der im Duden beschriebenen ersten Grundbedeutung entspricht, nämlich „Unruhe, Angst, quälender Gedanke“. Weiterlesen →

Wo geht es lang?

6. Januar 2018
von junge Wortklauber
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Wichtige Worte #7: wollen

Als ich frisch mein Abitur bestanden hatte, hat mir jemand gesagt: „Jetzt kannst du alles machen, was du willst!“ Und wird uns nicht sogar von klein auf vermittelt, dass wir alles machen können, was wir wollen, wenn wir nur an uns glauben? Ein sehr schöner Gedanke. Schließlich sollte jeder Mensch den Weg in seinem Leben gehen, den er gehen möchte, oder? Aber können wir wirklich machen, was wir wollen? Und was wollen wir wirklich?

Als ich etwa 16 Jahre alt war, hatte ich noch keine Ahnung davon, wie viele unterschiedliche Berufe es gibt. Und dass es welche gibt, die einem sogar Spaß machen können. Mein damaliges Ziel: Hauptsache, Geld verdienen!
Nach diversen Eignungstests wurde mir gesagt, dass die kaufmännische Branche für mich geeignet wäre. Es folgten ein paar hundert Bewerbungen in einer Zeitspanne von etwa fünf Jahren. Das Ergebnis? Absage um Absage. Denn trotz positiver Rückmeldungen nach Assessment-Centers und Vorstellungsgesprächen habe ich es nie über die berühmte Top 3 geschafft. Weiterlesen →

Leere Sprechblasen

19. Dezember 2017
von Carls Co-Schreiberin
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Wichtige Worte #6: Sprechen

Neulich brauchte ich einen Arzttermin. Ich versuchte die Praxis telefonisch zu erreichen und hörte eine mechanische Stimme, die mir Folgendes mitteilte: „Sie rufen außerhalb unserer Sprechzeiten an“. Ich legte auf und dachte nach. Erst kürzlich hatte ich einen Elternsprechtag besucht. Immerhin zehn Minuten lang durfte ich mich mit der Lehrerin unterhalten, während draußen schon die nächsten Eltern mit den Füßen scharrten. Sprechzeiten sind ein begehrtes Gut.

Das wurde mir umso deutlicher bewusst, als ich schließlich im voll besetzten Wartezimmer der Arztpraxis saß. Wir alle warteten auf unser Gespräch mit dem Arzt – und schwiegen. Nicht einmal in Mobiltelefone wurde gesprochen. Stattdessen taten wir, wozu viele heute kaum noch Zeit finden. Wir lasen. Manche in Büchern. Etliche in Zeitschriften. So wie ich – und da erfuhr ich ganz nebenbei, dass ein gutes Arzt-Patienten-Gespräch nachweislich die Gesundheit stärkt. Wenn man sich denn gegenseitig zuhört. Mein Termin dauerte nicht lange. Vorsorgeuntersuchung, alles in Ordnung, bis zum nächsten Mal.

Zu Hause google ich das Wort „sprechen“ und lese bei Wikipedia, dass das Sprechen „der Vorgang des vorwiegend auf zwischenmenschliche Interaktion ausgerichteten Gebrauchs der menschlichen Stimme“ ist. Beim Gespräch „gibt es die Rolle des Sprechers und die Rolle des Hörers, wobei die Rollen gewechselt werden“. Während der eine spricht, schweigt der andere. Wer gemeinsam schweigen kann, braucht vielleicht keine Worte. Fürs Schweigen werden allerdings in der Regel keine Stunden, schon gar keine Tage eingeräumt. Die übliche Einheit hier ist die Schweigeminute. Weiterlesen →

14. Dezember 2017
von Carls Schreiberin
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Wichtige Worte #5b: Paradiese erinnern; Industriedenkmäler

CARLs Inge schrieb neulich, dass Erinnerungen Paradiese sein können. Paradiese, in die man zurückkehren kann. Das stimmt. Und ein bisschen auch nicht. Für mich zumindest. Ich schaue zurück. Aber immer ist da diese Glasscheibe zwischen dem Einst und dem Jetzt.
Wie im Museum. Gucken, aber nicht anfassen.

Schön, dass das geht. Zurückgucken, meine ich. Und sich erinnern. Schön. Aber auch schmerzhaft.
Jetzt, im Advent, drücke ich besonders oft meine Nase an der Scheibe platt.
Guck, sage ich und zeige auf die kleine Sarah. Die sitzt neben dem Weihnachtsbaum und freut sich über Geschenke, die noch nicht Ballast sind. In einer Zeit, in der noch jeder Plastikglitzerstern in eine Schatzkiste gehört.
Ich will dahin zurück.
Ich rüttle an der Türklinke.
Nichts zu machen.
Paradies? Ja. Aber verlorenes Paradies.
Guck, sage ich.
Aua, sagt mein Herz.
Stell dich nicht so an, sage ich. Als ob es so schlimm wäre, eine schöne Kindheit durch eine Glasscheibe anzugucken. Immerhin ist da eine schöne Kindheit, die ich angucken kann.
Trotzdem, sagt das Herz. Je schöner und voller die Erinnerung, desto größer der Schmerz.

Warum Menschen wohl zu Wehmut (oder Wehwut, wie CARLs Inge sie so richtig entlarvt hat) und Nostalgie neigen? Ich weiß es nicht. Es muss biologische Gründe haben. Sonst wären diese Gefühle doch nicht so weit verbreitet. Oder?

Und weil ich CARLs Schreiberin bin, muss ich jetzt natürlich auch gleich an CARL denken. Der früher mal eine Zeche gewesen ist. Ehe er soziokulturelles Zentrum wurde. Die Zechenzeit, das war seine Kindheit. Denke ich. Eine Kindheit, in der jeder Brocken schwarzes Gold noch in die Schatzkiste gehörte.
Ob CARL auch manchmal zurückschaut?
Ob er manchmal Sehnsucht hat nach seiner Kindheit?
Ob er die Bergleute vermisst, die seine ständigen Begleiter waren?

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12. Dezember 2017
von junge Wortklauber
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Lästige Worte #2: Entscheidungen

Schon zum zehnten Mal lese ich mir den Zettel mit den möglichen Fächern für die Oberstufe durch. Chemie und Physik oder doch eher Pädagogik und Psychologie? Ich kann einfach nicht entscheiden, welche ich wählen soll. Immerhin lenke ich damit schon gewissermaßen meine spätere Karriere in eine bestimmte Richtung und bestimme meine Zukunft. Doch was ist, wenn mir eins der Fächer hinterher gar nicht gefällt und ich meine Entscheidung bereue? Schließlich kann ich sie nicht wieder rückgängig machen …
Entscheidungen sind unsere täglichen Alltagsbegleiter und bringen uns oft zur Verzweiflung. Doch was sind Entscheidungen überhaupt? Was macht sie aus? Wie gehen wir am besten mit ihnen um?
Unter einer Entscheidung versteht man laut Wikipedia „die Wahl einer Handlung aus mindestens zwei vorhandenen potenziellen Handlungsalternativen unter Beachtung der übergeordneten Ziele.“
Das klingt völlig problemlos. So, als ob das etwas ist, was man nebenbei kurz erledigt. Doch davon, eine Entscheidung mit links zu treffen, kann ich nur träumen. Denn ich finde es alles andere als leicht, mich zu entscheiden!
Auch als es um meine Fächerwahl ging, hatte ich so meine Schwierigkeiten. Ich war mir nie wirklich sicher, ob ich die naturwissenschaftliche Richtung oder die gesellschaftliche Richtung oder vielleicht sogar die sprachliche Richtung einschlagen möchte. Weiterlesen →

2. Dezember 2017
von junge Wortklauber
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Ein offenes Wort #3: Ich bin kein Rassist?

„Ich bin kein Rassist. Ich bin für Menschenrechte. Wir sind alle gleich. ABER

Immer diese Flüchtlinge. Jeden Tag kommen welche in unser Land. Und es werden immer mehr.
Sie nehmen uns unsere Arbeitsplätze, Schulplätze und unser Geld.
Sie können sich gar nicht integrieren. Sie werden sich gar nicht integrieren.
Alle kommen aus Entwicklungsländern.
Sie wissen nicht einmal, was Erdbeeren sind.
Sie können kaum schreiben und lesen.
Alle sind Terroristen. Ich traue mich nicht mehr allein auf die Straße.
Deutschland kann keine Regierung bauen, weil es zu viele Flüchtlinge in diesem Land gibt.
Sie sind alle nur aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland hergekommen.“

Sehr geehrte Damen und Herren. Ihr fragt euch gerade bestimmt, warum ich diese Sätze zitiere, obwohl ich selber Flüchtling bin.

Ich würde euch gerne meine Gefühle mitteilen.
Diese Aussagen höre und lese ich fast jeden Tag von AfD-Wählern oder einigen Zeitungen, die nur Hass ausbreiten.
Wenn etwas Schlimmes passiert, wird fast immer gleich mit dem Finger auf die Flüchtlinge gezeigt.
Ich weiß ja, dass nicht alle Flüchtlinge gleich sind. Es gibt viele Flüchtlinge, die sich bis jetzt noch nicht integriert haben.

Aber gleichzeitig gibt es Flüchtlinge, die sich schnell integriert haben, die arbeiten, Steuern zahlen und studieren. Das Problem liegt darin, dass viele Leute die einen nicht von den anderen unterscheiden können. Weiterlesen →

27. November 2017
von Carls Schreiberin
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Zeitreise durchs Ruhrgebiet

Anlässlich der Finissage von „Wege zur Metropole Ruhr – Heimat im Wandel“ führen CARLs Inge und ich durch die Ausstellung. Die Ausstellung zeigt den Wandel der Region von den 70er-Jahren bis heute in Fotos und Zahlen. Im Zentrum stehen Fotos von repräsentativ ausgewählten Orten im Ruhrgebiet (aus Essen, Bochum, Gelsenkirchen, Dortmund, Duisburg, Oberhausen, Herne, Bottrop, Castrop-Rauxel, Witten, Gladbeck) – 1972 und heute fotografiert.

Passend zu den Bildern in der Ausstellung lesen wir eigene Texte und nehmen die Besucher mit auf eine kleine Reise quer durch das Ruhrgebiet und quer durch die Zeit. Unter anderem lesen wir auch aus unseren im Verlag Henselowsky Boschmann erschienenen Romanen „Leben und Träume der Mimi H.“, „Eisengarn“, „Immer muss man mit Stellwerksbränden, Streiks und Tagebrüchen rechnen“ und „Ruhrpottkind“. Und außerdem aus verschiedenen Anthologien. Eine schöne bunte Mischung, die durch Raum und Zeit führt.

03.12.2017, 11:00 Uhr
„Kubus“ im Haus Weitmar auf dem Gelände von „Situation Kunst“, Nevelstraße 29, 44795 Bochum Weiterlesen →

Manchmal müssen auch Leiter(n) ruhen

24. November 2017
von Carls Co-Schreiberin
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Wortentdeckung #8: Leiter(n)

Im November wird für die dunkle Jahreszeit aufgerüstet. Und so sehe ich an vielen Orten Menschen auf Leitern, die Lichterketten in Bäume friemeln. Schön ist das. Und erhellend. Ich denke mir, was für ein Glück, dass wir Leitern haben. Leitern.

Ich muss daran denken, wie wir im Sommer mit der Wortklauber-Redaktion ein Picknick planten. Eine Menge Speisen und Getränke sollten zum Nordsternpark geschafft werden. Ein Redaktionsmitglied hoffte, dass „die Leitern“ vielleicht ein Auto für den Transport zur Verfügung hätten. Die Leitern? Wie soll man auch darauf kommen, dass der Plural von Leiter je nach Bedeutung mal mit, mal ohne „n“ gebildet wird, wenn man erst seit wenigen Monaten in Deutschland lebt. Und immerhin gibt es ja sogar Leiterwagen, die für ein Picknick geradezu ideal sind.

Ich frage mich also, worin eigentlich der Unterschied besteht zwischen Leiter und Leiter. Leiten wir nicht alle, egal ob Trittleiter, Redaktionsleiter oder elektrische Leiter? Weiterlesen →

22. November 2017
von Carls Inge
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Wichtige Worte #5: Paradiese erinnern

Jean Paul hat geschrieben: Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.

Manche Menschen erinnern ihre Kindheit als Paradies. Andere die Zeit einer unbeschwerten Liebe. Wieder andere das Land, in dem sie aufgewachsen sind.

Moutasm Alyounes, einer von Carls jungen Wortklaubern, hat hier im Blog einen anrührenden, poetischen Text geschrieben, der noch in mir nachhallt. „Ich liebe sie und sie, und sie beide lieben mich“. Er erzählt davon, wie zerrissen Moutasm sich fühlt zwischen seiner Liebe zu dem Land, aus dem er kommt, und der Stadt Essen, die ihm ein neues Zuhause geschenkt hat. „Syrien – mein Heimatland – war und ist für mich die große Liebe. Ich fühlte mich wohl in ihr.“

Der junge Autor spricht nicht von Paradies. Und doch scheint er seine Heimat zumindest eine Zeit lang als paradiesisch empfunden zu haben. Er trauert ihr nach und leidet unter dem, was seinem Land widerfahren ist und weiterhin widerfährt. Aber er erinnert sich auch immer wieder an das Schöne, das ihn vermutlich sein Leben lang mit diesem Land verbindet. Er bewahrt das frühere Leben in all seiner Vielfalt in seinem Inneren. Speichert es in seinem Gedächtnis. Behält es aber auch und umso eindrücklicher, indem er darüber spricht und darüber schreibt. Indem er uns Leser an seinem Erinnern teilhaben lässt.

Gleichzeitig verharrt er nicht in der Erinnerung. Klammert sich nicht an die Vergangenheit als letzten Rettungsanker. Er ist offen für eine neue Liebe, wie er sein jetziges Zuhause im Ruhrgebiet nennt.

Wir alle kennen die Geschichte von Adam und Eva, die aus dem ursprünglichen Paradies, dem Garten Eden, vertrieben worden sind. Weiterlesen →