Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

15. Februar 2018
von Carls Schreiberin
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Lautmalerische Worte #3: Die Dinge singen

Im Anfang war das Wort. Und hier im Blog klauben wir Worte zusammen, um sie auseinanderzunehmen. Ihr Innerstes nach außen zu kehren. Sie zu sezieren und genau zu betrachten. Um uns dann mitunter zu wundern, dass wir sie nichtsdestoweniger am Ende doch nicht wirklich verstehen.

Manchmal, wenn ich Worte aufklaube, zerlege, seziere, denke ich an Rilke. Daran, was er zu unserem Blog sagen würde. Es wäre toll, wenn er den Blog mögen würde. Denn ich mag umgekehrt viele von seinen Gedichten. Dann wiederum denke ich aber, dass er diesen Blog vielleicht ein Unding finden würde. Weil er doch dieses Gedicht geschrieben hat, in dem es um Worte und Dinge geht. Und das hier ist die erste Strophe:
„Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.“
Wenn ich das lese, schäme ich mich ein bisschen. Sowieso schon mal, weil ich Rilke doch keine Angst einjagen möchte. Aber auch, weil ich mich tagtäglich bemühe, alles – außer den Orangen für frischen O-Saft – mit Worten auszudrücken. Alles zu benennen. So genau wie möglich.

Tut mir leid, Rilke, will ich sagen.
Ich hab das nicht gemacht, um dir Angst einzujagen.
Das würde sich sogar reimen. Allerdings nur aus Versehen.

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9. Februar 2018
von Carls Co-Schreiber
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Füllwörter #1: nichtsdestoweniger

Wenn ich dieses Wort höre, denke ich immer an den Tag, an dem ich den Erste-Hilfe-Kurs für den Führerschein gemacht habe. Das ist ungefähr 16 Jahre her. (Mein Edelhelfer war auch dabei.) Jetzt ist es wieder so weit: „Nichtsdestoweniger“, sagt jemand. Ich weiß bis heute nicht, was „nichtsdestoweniger“ bedeutet und glaube, der Leiter des Kurses wusste es auch nicht. Dennoch begann er jeden seiner Sätze mit diesem Füllwort.
Für unsere Jugendredaktion Junge Wortklauber haben wir vor einiger Zeit einen Merkzettel entworfen. Darauf stehen Tipps zum Verfassen von Blogartikeln. Ein Tipp lautet: Füllwörter vermeiden!
Was sind Füllwörter? Ich muss an mein Lieblingsfußballzitat denken:
„Marc, hör’ endlich auf, Kakao ins Aquarium zu schütten!” Das hat MSV-Legende Michael Tönnies während eines Telefoninterviews nebenbei zu seinem Sohn gesagt.
Demnach wäre Kakao ein Füllwort. Und Hackfleisch – wenn man es zum Beispiel in eine Aubergine füllt. Oder Motoröl – wo auch immer das reingefüllt wird.
Tatsächlich meinen wir mit Füllwörtern eigentlich Wörter wie tatsächlich und eigentlich. Auch, mal, ja, da, gar, also, wohl und eben nichtsdestoweniger sind Füllwörter, oder besser: können Füllwörter sein. Weiterlesen →

26. Januar 2018
von Carls Inge
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Schwerwiegende Worte: Sisyphusarbeit

Jetzt ist der Januar schon fast vorbei.
Ich habe in den vergangenen Wochen wieder viel gehört und gelesen über zahllose gute Vorsätze zu Jahresbeginn. Und längst auch darüber, wie schnell es mit der Umsetzung oft vorbei war.
Ich wollte mit Vorsätzen gar nicht erst anfangen. Wollte mir die Frustration ersparen.
Aber dann ging es ans Ausräumen meines Arbeitszimmers, das dringend renoviert werden muss. Was ich im Lauf der vergangenen Jahre alles angesammelt und aufgehoben habe! Bücher, zwei Reihen hintereinander in den Regalfächern, Papiere verschiedenster Art, unzählige Briefe, Glückwunschkarten, Dokumentationen von Workshops, Text-Entwürfe und jede Menge Zeitungsartikel …
Da drängten sich mir die Vorsätze regelrecht auf: Ich will mein Arbeitszimmer übersichtlicher machen, regelmäßig aussortieren und mich von Ballast befreien.

Schon war ich bei Sisyphus. Die Sage ist bekannt. Von den Göttern des antiken Griechenlands war er dazu verurteilt (warum, ist von Homer nicht eindeutig beschrieben), einen Felsblock auf einen steilen Hügel hinaufzustemmen. Jedes Mal jedoch, wenn Sisyphus den mächtigen Stein fast bis oben auf den Gipfel gebracht hat, stürzt der Felsblock wegen seines schweren Gewichts wieder nach unten ins Tal, bevor Sisyphus ihn auf die andere Bergseite bringen kann. Der Stein muss erneut hinaufgewälzt werden. Wieder und wieder.
Diesem Mythos verdanken wir den Begriff der Sisyphusarbeit. Die gilt bei mir nicht nur für den tagtäglichen Abwasch und die Wäscheberge oder schmutzigen Fenster. Sie betrifft ganz besonders mein Arbeitszimmer. Darin versteckt sich mein Berg, auf den ich unermüdlich den schweren Stein rollen muss. Weiterlesen →

19. Januar 2018
von junge Wortklauber
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Wichtige Worte #8: Freundschaft

Freundschaft bleibt Freundschaft. Aber wie ist das, wenn man seine Heimat verlässt?

Als ich nach Deutschland kam, war alles ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich dachte mir, dass ich nie Freunde finden würde. Ich war erst einige Zeit ohne Freunde, weil ich kein Deutsch sprechen konnte, und ohne Sprache war ich sprachlos. Erst nach ein paar Monaten hatte ich genug Deutsch gelernt, um mich mit anderen zu unterhalten. Das Leben ohne Freunde war nicht so einfach. Es war leer. Als ob man Essen ohne Salz kocht – man kann damit satt werden, aber es schmeckt nach nichts. So fühlte sich auch das Leben damals an.

In Afghanistan hatte ich eine Menge Freunde, darunter auch beste Freunde, mit denen ich die glücklichsten Momente meines Lebens verbracht habe. Diese Momente haben mir viel Hoffnung gegeben. Wir haben uns immer alle getroffen und unterhalten oder miteinander gespielt: Karten oder Mensch ärger‘ dich nicht. Ich war sehr gut beim Kartenspielen, aber ich habe bei dem Spiel Mensch ärger‘ dich nicht meistens verloren. Hat aber trotzdem Spaß gemacht. Wir hatten Spielregeln: Wer verlor, musste das machen, was die Gewinner wollten. Meistens habe ich „Nackenklatsch“ von den anderen gekriegt, oder ich musste mit nackten Füße im Schnee laufen. Weiterlesen →

16. Januar 2018
von Carls Co-Schreiberin
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Lästige Worte #3: Sorgen

Neulich bekam ich eine Reklamemail. Ich solle dafür sorgen, dass Fläschchen und Spielsachen meiner Kinder mit Namensaufklebern markiert sind, damit im Kindergarten nichts mehr verloren geht. Meine Kinder gehen nicht mehr in den Kindergarten. Aber natürlich will ich so gut wie möglich für meine Lieben sorgen. Leider ist es mit ein paar Aufklebern nicht getan. Und leider wäre ein verlorener Gebrauchsgegenstand noch meine geringste Sorge.

Die Sorgen, die ich mir mache, sind trotzdem meistens überschaubar. Doch immer wieder mal, gerne abends, blähen sie sich auf. Lassen mich nicht schlafen. Meißeln mir Sorgenfalten ins Gesicht. Oft sind es ungelegte Eier, über die ich mir Sorgen mache. Dann denke ich, dass es kein Zufall sein kann, dass sich „Sorgen“ auf „morgen“ reimt (nicht nur im Deutschen übrigens, im Englischen reimt sich ebenfalls sorrow – „Trauer“, „Sorge“, „Gram“ auf tomorrow). Das erfreut die Dichter. Mich allerdings weniger, denn das Schlafen kann ich komplett abhaken, wenn die Sorge der im Duden beschriebenen ersten Grundbedeutung entspricht, nämlich „Unruhe, Angst, quälender Gedanke“. Weiterlesen →

Wo geht es lang?

6. Januar 2018
von junge Wortklauber
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Wichtige Worte #7: wollen

Als ich frisch mein Abitur bestanden hatte, hat mir jemand gesagt: „Jetzt kannst du alles machen, was du willst!“ Und wird uns nicht sogar von klein auf vermittelt, dass wir alles machen können, was wir wollen, wenn wir nur an uns glauben? Ein sehr schöner Gedanke. Schließlich sollte jeder Mensch den Weg in seinem Leben gehen, den er gehen möchte, oder? Aber können wir wirklich machen, was wir wollen? Und was wollen wir wirklich?

Als ich etwa 16 Jahre alt war, hatte ich noch keine Ahnung davon, wie viele unterschiedliche Berufe es gibt. Und dass es welche gibt, die einem sogar Spaß machen können. Mein damaliges Ziel: Hauptsache, Geld verdienen!
Nach diversen Eignungstests wurde mir gesagt, dass die kaufmännische Branche für mich geeignet wäre. Es folgten ein paar hundert Bewerbungen in einer Zeitspanne von etwa fünf Jahren. Das Ergebnis? Absage um Absage. Denn trotz positiver Rückmeldungen nach Assessment-Centers und Vorstellungsgesprächen habe ich es nie über die berühmte Top 3 geschafft. Weiterlesen →

Leere Sprechblasen

19. Dezember 2017
von Carls Co-Schreiberin
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Wichtige Worte #6: Sprechen

Neulich brauchte ich einen Arzttermin. Ich versuchte die Praxis telefonisch zu erreichen und hörte eine mechanische Stimme, die mir Folgendes mitteilte: „Sie rufen außerhalb unserer Sprechzeiten an“. Ich legte auf und dachte nach. Erst kürzlich hatte ich einen Elternsprechtag besucht. Immerhin zehn Minuten lang durfte ich mich mit der Lehrerin unterhalten, während draußen schon die nächsten Eltern mit den Füßen scharrten. Sprechzeiten sind ein begehrtes Gut.

Das wurde mir umso deutlicher bewusst, als ich schließlich im voll besetzten Wartezimmer der Arztpraxis saß. Wir alle warteten auf unser Gespräch mit dem Arzt – und schwiegen. Nicht einmal in Mobiltelefone wurde gesprochen. Stattdessen taten wir, wozu viele heute kaum noch Zeit finden. Wir lasen. Manche in Büchern. Etliche in Zeitschriften. So wie ich – und da erfuhr ich ganz nebenbei, dass ein gutes Arzt-Patienten-Gespräch nachweislich die Gesundheit stärkt. Wenn man sich denn gegenseitig zuhört. Mein Termin dauerte nicht lange. Vorsorgeuntersuchung, alles in Ordnung, bis zum nächsten Mal.

Zu Hause google ich das Wort „sprechen“ und lese bei Wikipedia, dass das Sprechen „der Vorgang des vorwiegend auf zwischenmenschliche Interaktion ausgerichteten Gebrauchs der menschlichen Stimme“ ist. Beim Gespräch „gibt es die Rolle des Sprechers und die Rolle des Hörers, wobei die Rollen gewechselt werden“. Während der eine spricht, schweigt der andere. Wer gemeinsam schweigen kann, braucht vielleicht keine Worte. Fürs Schweigen werden allerdings in der Regel keine Stunden, schon gar keine Tage eingeräumt. Die übliche Einheit hier ist die Schweigeminute. Weiterlesen →

14. Dezember 2017
von Carls Schreiberin
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Wichtige Worte #5b: Paradiese erinnern; Industriedenkmäler

CARLs Inge schrieb neulich, dass Erinnerungen Paradiese sein können. Paradiese, in die man zurückkehren kann. Das stimmt. Und ein bisschen auch nicht. Für mich zumindest. Ich schaue zurück. Aber immer ist da diese Glasscheibe zwischen dem Einst und dem Jetzt.
Wie im Museum. Gucken, aber nicht anfassen.

Schön, dass das geht. Zurückgucken, meine ich. Und sich erinnern. Schön. Aber auch schmerzhaft.
Jetzt, im Advent, drücke ich besonders oft meine Nase an der Scheibe platt.
Guck, sage ich und zeige auf die kleine Sarah. Die sitzt neben dem Weihnachtsbaum und freut sich über Geschenke, die noch nicht Ballast sind. In einer Zeit, in der noch jeder Plastikglitzerstern in eine Schatzkiste gehört.
Ich will dahin zurück.
Ich rüttle an der Türklinke.
Nichts zu machen.
Paradies? Ja. Aber verlorenes Paradies.
Guck, sage ich.
Aua, sagt mein Herz.
Stell dich nicht so an, sage ich. Als ob es so schlimm wäre, eine schöne Kindheit durch eine Glasscheibe anzugucken. Immerhin ist da eine schöne Kindheit, die ich angucken kann.
Trotzdem, sagt das Herz. Je schöner und voller die Erinnerung, desto größer der Schmerz.

Warum Menschen wohl zu Wehmut (oder Wehwut, wie CARLs Inge sie so richtig entlarvt hat) und Nostalgie neigen? Ich weiß es nicht. Es muss biologische Gründe haben. Sonst wären diese Gefühle doch nicht so weit verbreitet. Oder?

Und weil ich CARLs Schreiberin bin, muss ich jetzt natürlich auch gleich an CARL denken. Der früher mal eine Zeche gewesen ist. Ehe er soziokulturelles Zentrum wurde. Die Zechenzeit, das war seine Kindheit. Denke ich. Eine Kindheit, in der jeder Brocken schwarzes Gold noch in die Schatzkiste gehörte.
Ob CARL auch manchmal zurückschaut?
Ob er manchmal Sehnsucht hat nach seiner Kindheit?
Ob er die Bergleute vermisst, die seine ständigen Begleiter waren?

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12. Dezember 2017
von junge Wortklauber
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Lästige Worte #2: Entscheidungen

Schon zum zehnten Mal lese ich mir den Zettel mit den möglichen Fächern für die Oberstufe durch. Chemie und Physik oder doch eher Pädagogik und Psychologie? Ich kann einfach nicht entscheiden, welche ich wählen soll. Immerhin lenke ich damit schon gewissermaßen meine spätere Karriere in eine bestimmte Richtung und bestimme meine Zukunft. Doch was ist, wenn mir eins der Fächer hinterher gar nicht gefällt und ich meine Entscheidung bereue? Schließlich kann ich sie nicht wieder rückgängig machen …
Entscheidungen sind unsere täglichen Alltagsbegleiter und bringen uns oft zur Verzweiflung. Doch was sind Entscheidungen überhaupt? Was macht sie aus? Wie gehen wir am besten mit ihnen um?
Unter einer Entscheidung versteht man laut Wikipedia „die Wahl einer Handlung aus mindestens zwei vorhandenen potenziellen Handlungsalternativen unter Beachtung der übergeordneten Ziele.“
Das klingt völlig problemlos. So, als ob das etwas ist, was man nebenbei kurz erledigt. Doch davon, eine Entscheidung mit links zu treffen, kann ich nur träumen. Denn ich finde es alles andere als leicht, mich zu entscheiden!
Auch als es um meine Fächerwahl ging, hatte ich so meine Schwierigkeiten. Ich war mir nie wirklich sicher, ob ich die naturwissenschaftliche Richtung oder die gesellschaftliche Richtung oder vielleicht sogar die sprachliche Richtung einschlagen möchte. Weiterlesen →

2. Dezember 2017
von junge Wortklauber
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Ein offenes Wort #3: Ich bin kein Rassist?

„Ich bin kein Rassist. Ich bin für Menschenrechte. Wir sind alle gleich. ABER

Immer diese Flüchtlinge. Jeden Tag kommen welche in unser Land. Und es werden immer mehr.
Sie nehmen uns unsere Arbeitsplätze, Schulplätze und unser Geld.
Sie können sich gar nicht integrieren. Sie werden sich gar nicht integrieren.
Alle kommen aus Entwicklungsländern.
Sie wissen nicht einmal, was Erdbeeren sind.
Sie können kaum schreiben und lesen.
Alle sind Terroristen. Ich traue mich nicht mehr allein auf die Straße.
Deutschland kann keine Regierung bauen, weil es zu viele Flüchtlinge in diesem Land gibt.
Sie sind alle nur aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland hergekommen.“

Sehr geehrte Damen und Herren. Ihr fragt euch gerade bestimmt, warum ich diese Sätze zitiere, obwohl ich selber Flüchtling bin.

Ich würde euch gerne meine Gefühle mitteilen.
Diese Aussagen höre und lese ich fast jeden Tag von AfD-Wählern oder einigen Zeitungen, die nur Hass ausbreiten.
Wenn etwas Schlimmes passiert, wird fast immer gleich mit dem Finger auf die Flüchtlinge gezeigt.
Ich weiß ja, dass nicht alle Flüchtlinge gleich sind. Es gibt viele Flüchtlinge, die sich bis jetzt noch nicht integriert haben.

Aber gleichzeitig gibt es Flüchtlinge, die sich schnell integriert haben, die arbeiten, Steuern zahlen und studieren. Das Problem liegt darin, dass viele Leute die einen nicht von den anderen unterscheiden können. Weiterlesen →