Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin
Lass uns unser Wissen teilen

16. April 2018
von junge Wortklauber
Keine Kommentare

Wer weiß, was ich weiß

Ich weiß viel und ich weiß, dass du auch viel weißt.
Aber wenn du viel weißt, worüber ich nichts weiß, heißt es nicht, dass ich nichts weiß, sondern, dass ich nicht dabei war, als du anfingst, das zu wissen.
Ich weiß auch Sachen, über die du nichts weißt.
Aber ich würde dir nicht sagen, dass du nichts weißt, weil du nicht weißt, was ich weiß. Denn ich weiß, dass du nicht dabei warst, als ich anfing, das zu wissen. Weiterlesen →

12. April 2018
von Carls Co-Schreiber
Keine Kommentare

Verblüffende Sätze #4: Alle doof außer ich!

Carlsschreiberin hat sich mit dem „Ich-selbst-Sein“ und den Hindernissen, die das mit sich bringt, beschäftigt. Ich selbst habe viel genickt beim Lesen ihres Beitrags und an einer Stelle ganz besonders. Ich bin nämlich auch froh, dass ich mein Inneres während meiner jugendlichen Findungsphase in den 90ern nicht über Facebook und Co nach außen kehren konnte. Potenzial für Peinlichkeiten war vorhanden. Und die Wahrscheinlichkeit, dass ich gerne mal quietschbunte Bilder mit frechen Sprüchen drauf gepostet hätte, ist hoch. Die folgende Geschichte ist zumindest ein Indiz dafür. Vor allem aber beschäftigt sie sich mit mir selbst – besser gesagt sogar mit „ich selbst“.

Ich (selbst) war ungefähr dreizehn. Ein Schulfreund von mir hatte zur Geburtstagsparty eingeladen und wir sind mit ein paar Kumpels zu Elektro Brinkmann, um ein Geschenk zu kaufen. An diesem Tag entdeckten wir dort ein neues Regal. Das Regal mit den Sprüche-T-Shirts. Eines dieser T-Shirts erschien uns besonders prächtig, und wenn es einer tragen konnte, dann das Geburtstagskind. Schließlich war er erst vor kurzem in die Bäckerei unseres Vertrauens marschiert, bekleidet mit einer schwarzen Lederweste, auf der hinten, mit weißem Edding geschrieben, „Fuck you!“ nebst ausgestrecktem Mittelfinger, stand. Das auserkorene T-Shirt ließ sich sicherlich hervorragend mit dieser Weste der Rebellion kombinieren. Es war weiß, viel zu groß und auf gelber Sprechblase stand in pinker Schrift: „Alle doof außer ich!“ Weiterlesen →

4. April 2018
von Carls Schreiberin
Keine Kommentare

Verblüffende Sätze #3: Sei einfach du selbst

Sei einfach du selbst. So ein Satz, der mir immer mal wieder über den Weg läuft. Immerhin ist Authentizität eine zeitgenössische Tugend. Sogar der Werbung verzeiht man zur Not, dass sie Werbung ist, wenn sie nur authentisch zu sein scheint.
Sei einfach du selbst. Klar. Kein Ding. Pipileicht. Nichts einfacher als das, sage ich.
Und dann fällt mir ein, wie viele Tage, Wochen, Monate, Jahre ich gebraucht habe, um annähernd herauszufinden, wer das eigentlich sein soll. Diese ICH SELBST. In unzähligen Tagebucheinträgen sezierte ich diese ICH SELBST.

Das Problem fängt damit an, dass es unmöglich ist, das eigene Innere mit Abstand zu betrachten. Nein, ich meine natürlich nicht die inneren Organe. Sondern den Charakter, das Wesen, die Seele oder was auch immer dafür verantwortlich ist, dass ich ich bin. Wir können das Innere nicht mit Abstand in einem Spiegel betrachten, weil wir nun mal keine Poppels sind. Poppels? Na, Sie wissen schon, diese Stofftiere, deren Inneres man nach außen wenden kann. Ja, stimmt, aus den 80er-Jahren, als es auch Wendepullis und -jacken gab.

Ich bin froh, dass ich meine sezierenden Selbstbetrachtungen als Kind der 80er in einer Jugend der 90er zelebrieren konnte, als es noch kein Facebook, Twitter, Instagram gab. Sonst hätte ich meine ICH-Suche sehr wahrscheinlich in aller Öffentlichkeit durchgeführt. Auch auf Facebook, Twitter, Instagram kann man nicht unmittelbar den Charakter, das Wesen, die Seele darstellen. Aber man kann das eigene Leben wie einen Poppel umkrempeln. Das Innere nach Außen. Guck, mein Urlaub, mein Zuhause, mein Essen, mein Drink. Guck, das bin ich. Das ist meine Meinung. Das mag ich. So bin ich. So absolut wahnsinnig authentisch, dass es fast schon weh tut.
Ja, man muss es zeigen. Muss es dauernd weiterentwickeln, dieses ICH SELBST. Gucken, ob es noch genug Likes kriegt.

Und dann gibt es immer auch Menschen, die meinen, dass sie uns besser kennen als wir selbst. Menschen, die sagen: Das bist doch gar nicht du. Du bist irgendwie nicht du selbst gerade. Ach wirklich? Schmarrn! Wer soll ich denn sein, wenn ich gerade nicht ich bin?! Weiterlesen →

2. April 2018
von junge Wortklauber
Keine Kommentare

Das Pendel meines Lebens: Von Bochum nach Düsseldorf und wieder zurück

Bochum Hauptbahnhof. Wattenscheid Bahnhof. Essen Hauptbahnhof. Mülheim an der Ruhr Hauptbahnhof. Duisburg Hauptbahnhof. Düsseldorf Flughafen. Düsseldorf Hauptbahnhof. Und jetzt lest das Ganze noch mal umgekehrt. Nur ein paar Wörter, die bei mir täglich fast drei Stunden meines Alltages ausmachen. Bei dieser Menge an Zeit habe ich irgendwann den Kompromiss geschlossen, dass ich nie bloß eine Veranstaltungen am Tag belege, sondern mindestens zwei, damit sich der Weg zur Uni Düsseldorf auch lohnt. Weiterlesen →

31. März 2018
von junge Wortklauber
Keine Kommentare

Meine Motivation zum Schreiben

Bevor ich anfange, die Motivation, die mich zum schreiben bewegt, zu erklären, würde ich gerne noch ein paar Dinge über mich erzählen.

Ich habe mich schon ziemlich früh für das Lesen von Geschichten interessiert. Es kam eine ganze Reihe an Büchern zusammen, die ich gelesen habe. Am liebsten las ich Fantasyromane und Krimis, später kamen dann auch noch Abenteuerromane hinzu. Doch mit der Zeit habe ich gemerkt: Jedes Mal, wenn ein Roman endete, fühlte ich mich leer und konnte mir nicht erklären, warum ich jedes Mal, obwohl das Buch spannend und toll erzählt war, so leer und teilweise sogar schon unzufrieden war.
Dann erkannte ich schließlich, was mich so leer fühlen ließ. Die Fragen, die ich mir stellte, blieben immer offen. Das lag ganz einfach daran, dass ich bei einem Buch nie einfach nur der Geschichte, die das Buch erzählt hat, gefolgt bin – ich habe mir beim Lesen immer noch Gedanken dazu gemacht, was den Charakteren noch alles passieren kann, was sie noch erleben können und das ging weit über ein Ende des Buches hinaus. Weiterlesen →

13. März 2018
von Carls Schreiberin
Keine Kommentare

Plötzlich und unerwartet.

Plötzlich und unerwartet habe ich oft in Todesanzeigen gelesen.
Plötzlich und unerwartet – das schien mir nicht mehr als eine Phrase zu sein. Eine Phrase aus einem Bausatz. So baue ich eine Todesanzeige. Und tatsächlich gibt es solche Mustersätze online zu finden. Auf den Homepages von Bestattern.

Plötzlich und unerwartet. Das war plötzlich und unerwartet keine Phrase mehr, als ich am Samstag einen Anruf bekam. Den Anruf, durch den ich erfuhr, dass Bernd Alles gestorben ist.
Ich muss an dieser Stelle innehalten, weil es wehtut, diesen Satz zu schreiben. Ihn Schwarz auf Weiß vor mir zu sehen. Dass Bernd Alles gestorben ist.
Das muss doch ein Irrtum sein. Dass ein Mensch, der derart lebendig gewesen ist, jetzt plötzlich tot sein soll. Das geht doch nicht.
Dabei habe ich gewusst, dass er krank war. Wir haben immer wieder darüber gesprochen. Nur zuletzt nicht mehr. Als sich, wie ich im Nachhinein weiß, sein Zustand erheblich verschlechtert hatte.
Dabei haben wir uns noch eine gute Woche vor seinem Tod geschrieben. Über das Heiraten. Und über das Manuskript, an dem ich gerade arbeite, und das ich ihm schicken wollte. Die letzten Sätze, die wir ausgetauscht haben, drehten sich nicht um das Sterben. Sondern um das Leben.
Weiterlesen →

12. März 2018
von junge Wortklauber
Keine Kommentare

Es ist noch nicht das Ende

Ich heiße Moutasm Alyounes, bin 20 Jahre alt und lebe seit über zwei Jahren in Deutschland.
Heute werde ich euch eine Geschichte erzählen, die ihr nicht jeden Tag hören werdet. Diese handelt von einem Jungen, der sein Heimatland mit 15 Jahren verlassen musste, da der Krieg in Syrien herrscht.

Dieser Junge konnte nicht mehr zur Schule gehen, weil seine Schule zerbombt wurde, wie auch viele andere.
Dieser Junge konnte seine Freunde nicht mehr sehen, weil sie im Krieg ums Leben gekommen sind wie viele andere unschuldige Menschen.
Dieser Junge konnte seine Familie nicht mehr sehen, weil er mit 16 Jahren weit weg von Zuhause arbeiten musste, um seine Familie zu unterstützen.

Dieser Junge ist nicht im Bomben- und Raketenhagel gestorben wie viele andere unschuldige Menschen.
Dieser Junge wurde nicht erschossen wie viele andere unschuldige Menschen.
Dieser Junge hat kein Körperteil durch Bombensplitter verloren wie viele andere unschuldige Menschen.
Dieser Junge ist nicht durch die Kälte gestorben, weil er keine Kleidung hatte, um sich zu wärmen, wie viele andere unschuldige Menschen, wie viele andere unschuldige Menschen.
Dieser Junge ist nicht auf dem Todesweg zwischen der Türkei und Griechenland ertrunken wie viele andere unschuldige Menschen, wie viele andere unschuldige Menschen. Weiterlesen →

Was ist zumutbar?

8. März 2018
von Carls Co-Schreiberin
Keine Kommentare

Wichtige Worte #9: Mut

Vor nicht allzu langer Zeit unterhielt ich mich mit der Briefträgerin über das Wetter.
Genauer gesagt über den Schnee, der in der Nacht gefallen war.
Noch genauer gesagt über das Schneeschippen.
Die Briefträgerin beschwerte sich über die Schneeschippfaulheit in unserem Stadtteil. „Wer den Gehweg nicht freischaufelt, bekommt auch keine Post mehr“, erklärte sie. „Das können die Leute uns nicht zumuten.“

Ich war sehr froh, dass aus unserer Familie bereits jemand den Gehweg vor dem Haus freigeschaufelt hatte. Nicht nur wegen der Post, die ich dadurch pünktlich bekommen hatte. Sondern vor allem, weil ich kein schlechtes Gewissen haben musste. Beschwingt ging ich meines Wegs und dachte über das Wort „zumuten“ nach. Erst im Herbst hatte Carls Inge über Wehmut geschrieben. Und dass die mit Mut eigentlich nicht so viel zu tun hat. „Zumuten“ klingt, als glaube man, jemand habe den Mut, das zu tun, was eigentlich nicht zumutbar ist. Im Neuschnee mit dem Fahrrad zu fahren und Briefe auszutragen beispielsweise. Weiterlesen →

Äußerlichkeiten

6. März 2018
von junge Wortklauber
Keine Kommentare

Ein offenes Wort #5: Meine Verwandte

Ich war sehr überrascht, sehr, sehr überrascht. Als ich den Text gelesen habe. Das konnte ich kaum glauben. Das konnte doch nicht wahr sein.
Ich bin in Syrien geboren, in Syrien aufgewachsen und meine Familie auch.
Aufgrund des Krieges bin ich nach Deutschland geflüchtet.
Ich bin seit über zwei Jahren hier in Deutschland. Vor paar Monaten ist mit mir etwas passiert.
Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll. Weiterlesen →

24. Februar 2018
von Carls Schreiberin
Keine Kommentare

Ein offenes Wort #4: Wie ich einmal ziemlich viele Worte und Wendungen verbieten wollte

Neulich. Im Spiegel Online. Ein Bericht über eine Kneipe in New York, die ihren Gästen verbietet, das Wort literary zu benutzen. Weil es nicht nur inflationär, sondern immer öfter schlichtweg falsch gebraucht wird. Buchstäblich, wörtlich, im wahrsten Sinne des Wortes bedeutet es, wird aber gern gleichgesetzt mit nahezu oder quasi.
Ja, denke ich. Großartige Idee, so ein Wortverbot.

Rein zufällig ist es nämlich so, dass ich den Gebrauch ziemlich vieler Wörter und Redewendungen im deutschen Fernsehen zu verbieten plane. Weil sie permanent falsch gebraucht werden, und mir dieser Falschgebrauch körperliche Schmerzen zufügt.
Durchzusetzen, dass alle in Frage kommenden Fernsehsender diese Wörter und Wendungen verbieten, scheint mir ein vergleichweise kleines Problem zu sein – verglichen mit der Aufgabe, eine vollständige Liste aller verbotenen Wörter und Wendungen zusammenzustellen. Also fange ich lieber mit der Liste an. Die Sender überzeugen oder gleich in Besitz nehmen kann ich dann ja später immer noch.

Um mit der Liste anzufangen, empfiehlt sich die Sichtung der gängigen Reality-TV-Formate von Dschungelcamp über DSDS bis hin zu GNTM. Ich schaue solche Formate selbstredend nur aus kulturwissenschaftlichem Interesse. Ist jawohl klar, ne?

Weiterlesen →